Statusspiele

Vor einigen Tagen habe ich bei den wunderbaren Trainerinnen Deborah Ruggieri und Julia Lemmle an einem spannenden Seminar der Friedrich-Ebert-Stiftung teilgenommen. "Listen to me" war der Titel, aber es ging nicht nur darum, Aufmerksamkeit zu ziehen als vielmehr auch darum, wer wem in welcher Situation in welchem Status begegnet. Damit war nicht der soziale, sondern der kommunikative Status gemeint. Und wie frau/man im besten Sinne mit dem kommunikativen Status spielt.

 

Als alte Häsin in Sachen Kommunikation und Moderation dachte ich: So viel Neues wird wohl nicht dabei sein, aber einige Goldkörner finden sich immer. Doch dann kam es anders. Mit zwölf anderen Menschen online Statusspiele zu spielen, war richtig aufregend. Ich fühlte regelrechtes Lampenfieber, wenn ich in eine Rolle hineinging. Ich versprach mich. Ich empfand Ärger, Ungeduld, Trauer, Freude, Empathie, Triumph, Sympathie, wie in echt. Obwohl es sich nur um Übungen handelte, schwitzte und fror ich, bekam abwechselnd kalte und heiße Füße, feuchte und trockene Hände. Der Körper reagiert, und manchmal übernimmt er sogar unversehens die Regie über einen. Es ist wie mit dieser mir früher lächerlich vorkommenden Lächel-Übung: Wenn ich lächle, verändert sich meine Stimme, meine Stimmung und auch meine äußere und innere Haltung.

 

Was bei dem Seminar ein Handicap darstellte, war, dass es online stattfand. Dass ich also die Körper und Bewegungen der anderen nicht studieren, nicht wahrnehmen konnte. Wippt jemand mit dem Fuß, wenn selbst gesprochen wird oder ich spreche? Was ist mit den Händen, mit dem Rumpf? Sitzt jemand gebeugt oder aufrecht? Sind andere gebannt oder gelangweilt von meinem Vortrag? Ein neutraler Gesichtsausdruck auf den Zoom-Kacheln verrät mir das nicht. Diese Körperlosigkeit, diese Kopflastigkeit war schwer zu kompensieren. Erst am zweiten Tag ging es besser, weil sich die Teilnehmenden schon besser kannten.

 

Auf die intensive Selbstwahrnehmung hatte dies jedoch keinen Einfluss. Vielmehr konnte ich mich auf sie noch besser konzentrieren, eben weil ich nur meinen eigenen Körper ganz wahrnahm. Kleine Unterschiede zum Beispiel in der Haltung machen einen großen Unterschied im Selbstgefühl aus. Wenn ich die Beine überschlage, bin ich instabiler, auch im Kopf. Wenn ich die Schultern bewusst senke, entspanne ich, wirke nicht nur, sondern bin tatsächlich gelassener.

 

Und dann erst Stimme und Atem, was damit alles möglich ist! Wie weit ein „Ja“ und ein „Nein“ tragen können. Wie frei sie machen. Wie wohl sie tun. Dieser Tage in einem Gespräch probierte ich es live aus: „Ja.“ Pause. Atmen. Zuhören. „Nein.“ Pause. Wieder atmen. Warten. Kein Räuspern. Kein Äh. Blick halten. Stand halten. Offen sein.

 

Fühlt sich wirklich gut an.

 

 

 

 

 

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